Zum Buch:
Onkel Jószi, 91 Jahre alt, lebt zufrieden in seinem alten Häuschen auf dem Berg, von dem er herabschauen kann auf die Welt. Gesellschaft leistet ihm Zsömle, sein alter Hund, und manchmal schauen die Nachbarn vorbei. Eigentlich hat er mit seinem Leben abgeschlossen, aber ein unerwarteter Besuch bringt alles durcheinander. Denn Onkel Jószi hat ein sorgfältig gehütetes Geheimnis, das plötzlich gelüftet worden zu sein scheint: Er ist der – rechtmäßige? – König von Ungarn. Das jedenfalls scheinen seine Anhänger fest zu glauben, und er selbst, nun ja, er weiß es ja. Schließlich hat ihn Mikós Horty, Reichsverweser des Königreichs Ungarn, bereits 1944 heimlich gekrönt. Wieso also jetzt den Wink des Schicksals übersehen und die ständig wachsende Schar von Bewunderern und begeisterten Untertanen abweisen? Sie lauschen seinen Erzählungen von Heldentaten im Krieg, Liebesgeschichten mit berühmten Sängerinnen, Kontakten zu Politikern und Würdenträgern in aller Welt, vom Papst bis zu amerikanischen Präsidenten. Allerdings gilt es, wachsam zu sein: nicht alle Besucher sind, was sie zu sein vorgeben, und nicht alle glauben, dass die Errichtung einer Monarchie so ganz ohne Waffengewalt abgehen kann. Aber davon will Onkel Jószi nun mal nichts wissen, grundsätzlich nicht – oder vielleicht doch? Natürlich kommt es, wie es kommen muss, denn gutgehen kann die Sache kaum, aber das müssen Sie schon selber lesen
In elf Kapiteln, das sind elf Sätze (!), breitet der neue Nobelpreisträger Krasnahorkai die Geschichte eines nur scheinbar aus der Zeit gefallenen Komplotts aus – man denke nur an Heinrich XIII. Prinz von Reuß, mit dem Onkel Jószi denn auch gut befreundet ist –, und er tut das satirisch, grotesk, bitterböse und saukomisch, grundiert von Hoffnungslosgeit angesichts des Zustands der Welt und Orbans Ungarn. Der Weg zurück in imaginierte bessere Zeiten, die Verlockungen der Macht, das Wechselspiel von Treue und Verrat, das alles gehört zum Panoptikum, das sich im Gedankenstrom des alten Mannes vor uns entfaltet. Man muss sich in der Geschichte und Gegenwart Ungarns sehr viel besser auskennen als ich, um die anzunehmenden unzähligen Anspielungen zu erfassen, aber das hat meinem Vergnügen bei der Lektüre keinen Abbruch getan. Die fehlenden Punkte geben dem Text von Anfang an einen Drive und einen Rhythmus, der mich völlig in die Geschichte hineingezogen hat, staunend, fasziniert, laut auflachend. Zsömle ist weg ist ein Roman aus einem Guss, literarisch, auch durch die Übersetzung, ein reiner Genuss, und hinterlässt bei allem Pessimismus am Ende, allen Tatsachen zum Trotz, doch einen Rest an Hoffnung. Zsömle ist nämlich wieder da – und noch einmal glücklich …
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.