Zum Buch:
Eine Frau fährt fort, weg aus ihrem Leben, ohne Plan, ohne Handy, im Kofferraum neun Porträts, die sie über die Jahre gemalt hat, Bilder ihrer verstorbenen Schwester, sorgfältig eingeschlagen, niemals ausgestellt. Sie gerät in eine Landschaft, die sie nicht gesucht hat, auf ein einsames Gehöft, das von einer Gemeinschaft von Frauen bewirtschaftet wird – und kommt von dort nicht mehr los. Ein erhellender und zugleich beunruhigend realer Roman über das Gefühl, ausgeliefert zu sein: der Trauer, dem eigenen Leben, der eigenen Ohnmacht.
Coro hat fast kein Benzin mehr, als sie in der Dunkelheit vor dem schwarzen Eisengitter anhält, das ihr das Weiterfahren unmöglich macht. Sie ist vom Weg abgekommen auf der Suche nach einer Tankstelle. Wie weit und wohin sie mit dem wieder befüllten Tank gefahren wäre, weiß sie selbst nicht. Die Frauen, die ihr das Gitter öffnen, behandeln sie wie einen Eindringling. Sie bieten ihr dennoch an, die Nacht in ihrem Haus zu verbringen. Aus einer Nacht werden mehrere, ohne dass Coro eine Möglichkeit sieht, sich von dem Gehöft wegzubewegen. Sie versucht herauszufinden, was die Frauen verbindet, weshalb außer den drei älteren und den jüngeren Zwillingsschwestern auch ein Mädchen im Schulalter und eine blinde Greisin im Rollstuhl so abgeschieden auf Betania leben. Als ein Mann auftaucht, der behauptet, das Gehöft erbaut zu haben, und die Frauen auffordert, seinen Besitz zu verlassen, bringen sie ihn in ihre Gewalt und enthüllen Coro das Geheimnis des Landsitzes.
Wie geraten wir in Situationen, aus denen wir nicht mehr hinausfinden? Und wie verhalten wir uns dann? Eine spannende Frage in einer Zeit, die nur Zielgerichtetheit kennt – oder vielleicht besser gesagt: beständig das Vorhandensein von Zielgerichtetheit vortäuscht. Wie sehr sind wir selbst in dieser Gesellschaft ferngesteuerte, ausgelieferte Wesen? Auf perfide und eindrucksvolle Weise gelingt es Adón, das Gefühl der Haltlosigkeit ihrer weiblichen Hauptfigur auf Leserinnen und Leser zu übertragen. Eine Lektüre, die zugleich verstört und wachrüttelt.
Susanne Rikl, München