Zum Buch:
An den verschiedensten Orten der Welt hat der Fotograf Alexander von Reiswitz Familien porträtiert. Tokyo 2005, Novo Mesto 2015, Brooklyn 2007, Berlin 2009: eine Reise in Bildern über zwei Jahrzehnte rund um die Welt: fünf Erwachsene vor einer Pyramide, sieben Personen unterschiedlichen Alters auf dem Time Square, vier Männer und ein Junge vor einer Moschee in Casablanca. Was alle Schwarzweiß-Fotografien miteinander verbindet, ist die Annahme, dass hier Familien abgebildet sind. Warum also der Titel Catching Strangers? Inspiriert durch ein Erlebnis in der eigenen Kindheit hat von Reiswitz auf seinen Reisen Menschen auf der Straße angesprochen, Wildfremde gebeten, für den Augenblick eines Fotos in ein anderes Leben einzutauchen, Teile einer fiktiven Familie darzustellen.
Der Begriff „Familienporträt“ erzeugt beim Betrachter offenbar eine Wahrnehmungsbereitschaft. Wir meinen, zwischen den als große oder kleine Gruppe angeordneten Personen Ähnlichkeiten und Beziehungen zu erkennen, bleiben hängen, wenn Ähnlichkeiten zu fehlen scheinen, erzählen uns selbst eine Geschichte über angeheiratete oder adoptierte Familienmitglieder und erklären damit Unstimmigkeiten.
Auch wenn die Porträts in diesem Buch vor den unterschiedlichsten Hintergründen aufgenommen wurden – auf der Straße, an einem Pier, in einer Streuobstwiese –, knüpft Alexander von Reiswitz mit seinen Motiven an die Frühzeit der Atelierfotografie an. Oft nahezu bildfüllend arrangiert, ausgestattet mit persönlichen Gegenständen wie einer Tasche, einem Fahrrad oder ergänzt durch einen Hund, befinden sich die Porträtierten meist auf Augenhöhe mit dem Fotografen, fixieren ihn, stellen sich dar, vermitteln durch die Nähe zueinander und ihre Körperhaltung eine Verbundenheit mit den anderen abgebildeten Personen oder grenzen sich subtil ab. All diese Details sind Aufforderung und Einladung, über vermeintliche Familienbande zu spekulieren und sie zu interpretieren.
Die eindringlichen Schwarzweißfotografien in diesem hochwertig gestalteten Buch wären allein schon ausreichend für einen gelungenen Fotoband zum Thema Familie. Das Family Constellation Project geht aber einen entscheidenden Schritt weiter und stellt einer Auswahl der Fotografien Texte an die Seite. Zsuzsa Bánk, John Burnside, Ulrike Draesner, Angelika Overath, Muepo Muamba – um nur einige Namen zu nennen – haben hier ihrer schriftstellerischen Kreativität freien Lauf gelassen und erhellende, teilweise berührende Texte zu den „Familien“ geschrieben. Das Spielerische des offensichtlichen Erfindens und Fabulierens gibt auch schwereren Themen wie Verlust und Abwesenheit von Menschen, Heimatlosigkeit oder Migration, die in einigen Texten eine Rolle spielen, eine gewisse Leichtigkeit. Viele der Autor*innen haben selbst eine Migrationsgeschichte, was durch die unterschiedlichsten Orte, an denen von Reiswitz fotografiert hat, unterstrichen wird.
Auch dass die Geschichten zu den Bildern auf Englisch und Deutsch im Buch zu finden sind, öffnet die Welt der abgebildeten Familien auf zusätzliche Weise. Catching Strangers ist eine überzeugende Mischung aus einer verblüffenden und amüsanten Idee, fantastischer Fotografien und der Bereitschaft unterschiedlichster Menschen auf der ganzen Welt, für einen Moment ein anderer zu sein – Großvater, erwachsene Tochter oder Schwiegersohn von Wildfremden. Schon lange hatte ich nicht mehr ein solches Vergnügen daran, ein Buch immer und immer wieder in die Hand zu nehmen!
Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt