Zum Buch:
„Komm nicht wieder“, heißt es an einer zentralen Stelle in _Trag das Feuer weiter-.
„Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln, während die Vergangenheit, das Haus, die Dinge, die Erinnerungen unwichtig sind.“
Leïla Slimanis Abschlussband ihrer marokkanisch-französischen Trilogie nimmt diesen Gedanken ernst. Trag das Feuer weiter ist kein Roman der Versöhnung, sondern einer der Ablösung. Er funktioniert auch für sich genommen, entfaltet seine volle erzählerische und politische Tiefe jedoch im Zusammenspiel mit der gesamten Trilogie.
Im Zentrum steht Mia, geboren in den 1970er-Jahren in Rabat, Tochter einer liberalen Familie der Oberschicht. Ihr Aufwachsen ist geprägt von einem westlich orientierten Elternhaus und einer marokkanischen Gesellschaft, in der genau diese Liberalität politisch gefährlich ist. Slimani macht deutlich, dass diese Spannung kein Ausnahmezustand, sondern strukturell verankert ist. Politik bleibt hier nicht Kulisse, sondern greift konkret in Lebensläufe ein: über Bildungswege, über Schweigen, über die Grenzen des Sag- und Sichtbaren.
Wie tief diese Struktur in Mias Biografie eingreift, zeigt sich am erzwungenen Arabischunterricht. Mia besucht in den 1980er Jahren eine französische Schule und wehrt sich gegen die Sprache, die doch „ihre“ sein sollte. Der private Unterricht wird ihr vom Vater verordnet – weniger aus Sorge um Zugehörigkeit als aus Scham. Ein Bankdirektor, dessen Tochter kein Arabisch spricht, verliert Autorität. Was als Bildungsmaßnahme erscheint, ist ein Akt sozialer Disziplinierung. Mia erlebt diese Zumutung als innere Spaltung: Die Sprache, die sie mit dem Land verbinden soll, perlt an ihr ab „wie Wasser an Glas“. Herkunft wird hier nicht zum Halt, sondern zum Ort der Kränkung.
Wut und Scham liegen in dieser Familie eng beieinander. Die Scham des Vaters erzeugt Druck, Mias Widerstand speist sich aus Zorn – und verweist auf eine Ordnung, in der Zugehörigkeit ständig überprüft wird. Slimani zeigt, wie politische Macht sich nicht nur in Institutionen, sondern ins Intimste einschreibt: in Sprache und Selbstbilder.
Dieser Konflikt setzt sich im Schicksal von Mias Vater Mehdi fort. Einst Revolutionär und scherzhaft „Karl Marx“ genannt, später Direktor einer staatlichen Bank, glaubt er an Fortschritt – bis er politisch kaltgestellt und inhaftiert wird. Sein Sturz ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck eines Systems, das Loyalität verlangt und Abweichung bestraft. Slimani erzählt diesen Bruch nüchtern. Gerade darin liegt die Schärfe.
Auch den weiblichen Figuren sind diese Verhältnisse im Körper eingeschrieben. Mias Mutter Aïcha arbeitet als Gynäkologin und erlebt täglich die Folgen patriarchaler Kontrolle. Diese Erfahrungen bilden den Resonanzraum für Mias eigenes Leben. Als lesbische Frau und Migrantin bewegt sie sich zwischen Ländern und Sprachen, ohne irgendwo anzukommen. Frankreich erscheint nicht als Ort der Befreiung, sondern als Fortsetzung der Fremdheit.
Ein zentrales politisches Motiv der Trilogie ist die Sexualität, weil sich an ihr entscheidet, wie frei eine Gesellschaft tatsächlich ist. Slimani erzählt Begehren nie als private Angelegenheit, sondern als Risiko. Was verboten oder beschämt wird, erzeugt Gewalt. In Trag das Feuer weiter lieben die Schwestern gefährlich: die eine, weil sie lesbisch ist, die andere, weil sie ihre Lust nicht versteckt.
Am Ende kehrt der Roman zur Frage zurück, was Erzählen leisten kann. Nicht Versöhnung, nicht Unschuld. Slimani verweigert moralische Entlastung. Der letzte Satz lautet:
„Es bringt nichts, unschuldig zu sein, wenn man tot ist. Unschuld existiert nur in Büchern.“
Dieser Satz bündelt, was der Roman erzählt: dass Leben immer verstrickt ist – in Geschichte, Macht und Begehren. Und dass Literatur nicht dazu da ist, Unschuld herzustellen, sondern Verantwortung sichtbar zu machen.
Sara Mundt, Der andere Buchladen, Köln