Zum Buch:
Was ist ein „Real American“, eine echte Amerikanerin, ein echter Amerikaner? Ironischer könnte diese Frage kaum sein bei einem Kontinent, der so extrem durch europäische Kolonisation in verschiedenen Wellen geprägt ist. Und doch gibt es auch für die Protagonistinnen und Protagonisten in Rachel Khongs neuem Roman ein Bild des „Real American“, dem es zu entsprechen gilt.
Familiengeschichte, Identitätssuche, Klassismus, Rassismus und Genforschung sind nur einige der Themen, die in Real Americans verhandelt werden. Nach Goodbye, Vitamin ist es der zweite Roman der in Malaysia geborenen US-amerikanischen Autorin. Die drei Teile des Romans spielen zu unterschiedlichen Zeiten: 1990, 2021 und 2030 bzw. in den 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Liliy Chen, Tochter zweier vor Mao geflohener chinesischer Wissenschaftler, ist 22, arbeitet als unbezahlte Praktikantin und hat nur vage Vorstellungen davon, wie es in ihrem Leben weitergehen soll, als sie auf einem Empfang ihrer Firma Matthew trifft. So unscheinbar sie sich hinter ihrem chinesischen Äußeren fühlt, so sehr er dem Inbegriff des amerikanischen Supermannes entspricht und so unwahrscheinlich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden auch ist, entwickelt sich etwas zwischen ihnen. Lilly ist klar, dass er ein völlig anderes Leben als sie in ihrem heruntergekommenen Appartement führt. Wie groß die Kluft zwischen ihnen jedoch tatsächlich ist, wird ihr erst viel später klar.
Im zweiten Teil, der im Jahr 2021 beginnt, wird eine Coming-of-Age Geschichte von Lilys Sohn Nick erzählt, der allein mit seiner Mutter lebt. Lily liebt ihn zwar über alles, gibt jedoch nicht preis, wer sein Vater ist. Die gedankliche Freiheit, die ihm seine Mutter dadurch zu schenken glaubt, erzeugt für ihn ein Vakuum, das er nicht zu füllen vermag. Sie wiederholt damit in gewisser Weise den Fehler ihrer Mutter, die Lily kein einziges Wort chinesisch beigebrachte, um sie so „amerikanisch“ wie möglich zu erziehen. Auch nachdem Nick seinen Vater heimlich durch einen DNA-Test gefunden und mehrfach getroffen hat, bleiben zu viele, für ihn zermürbende Fragen offen. Zerrissen zwischen der behüteten, einfachen Kindheit mit seiner Mutter und dem extremen Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen seines Vaters und dessen Familie, bleibt Nick ein unglücklicher Suchender, der es nicht schafft, herauszufinden, wer er selbst eigentlich sein möchte. Diese Unklarheit in ihm hinterlässt ihn beziehungsunfähig und letztlich allein.
Erst als Nick Jahre später seine Großmutter May trifft, die erzählend die vielen blinden Flecken seiner eigenen und der Geschichte seiner Mutter füllt, fügen sich Puzzleteile zusammen. Da war dieses Paar, das in der Kulturrevolution unter Mao fast ums Leben kam, sich gegen eine große Liebe und für die Wissenschaft entschied, zwei traumatisierten Menschen, die glaubten. ihre kulturelle Identität vollständig in sich verschließen zu müssen, um an einem neuen Ort erfolgreich sein und ihr Kind zu einer vermeintlich „echten Amerikanerin“ machen zu können…
Rachel Khong hat einen klugen und spannenden Familienroman geschrieben, der Zeitgeschichte und Handlungsstränge miteinander verschränkt, Identität in ihren vielen Facetten thematisiert und an hochaktuelle gesellschaftliche Krisen nicht nur in den USA anknüpft, in der Menschen auf ihre Herkunft – was auch immer das bedeutet – reduziert und notfalls mit Gewalt in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden sollen.
Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt