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Autor
Guhr, Sebastian

Mr. Lincoln & Mr. Thoreau

Untertitel
Roman. Über die Konflikte zwischen Natur und Gesellschaft, das Meistern von Krisen und die Sinnhaftigkeit politischen Engagements
Beschreibung

Der junge Abraham Lincoln ist überzeugt, dass allein Gleichberechtigung und Gesetz und Ordnung zu mehr Fortschritt führen. Henry David Thoreau dagegen glaubt, nur in der Rückbesinnung zur Natur liege der Schlüssel zu wahrer Freiheit. Zwei Männer am Anfang ihrer Karriere, zwei für ihre Zeit revolutionäre Standpunkte, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Was würde geschehen, sollten diese beiden Pioniere aufeinandertreffen?
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
marix Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
192 Seiten
ISBN/EAN
978-3-7374-1173-8
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Sebastian Guhr, geboren 1983 in Berlin, hat Philosophie, Amerikanistik und Literaturwissenschaften studiert. Für seine Texte wurde er mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Berlin-Neukölln.

Zum Buch:

Als der junge Abraham Lincoln verschwitzt und staubbedeckt auf seinem Esel in die erst kürzlich gegründete Stadt Springfield einreitet, besitzt er zwar einen brandneuen Zylinder, hat aber keinen Penny in der Tasche und ist zudem schlechter Stimmung. Nicht nur, dass er nicht weiß, wie er die Verbindung mit seiner Verlobten aufkündigen soll, die ihm im Grunde genommen herzlich egal ist, auch die Tatsache, dass er hier, inmitten der Prärie, wo bis vor Kurzem noch Indianer ihr Unwesen trieben, lediglich die Assistenzstelle in einer Kanzlei besetzen soll, verdrießt ihm die Ankunft. Aber Lincoln ist ein Mann von Ehre und darüber hinaus jemand, der weiß, was er will. Daher macht er sich nichts daraus, dass er das Bett eines schnarchenden Ladenbesitzers teilen muss oder von den Damen des angrenzenden Bordells lüsterne Blicke und Kusshände zugeworfen zu bekommen. Selbst der Umstand, dass die Kanzlei eine Bruchbude ist und sich seine Klientel aus Pferdedieben und Halsabschneidern zusammensetzt, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Denn als er die Bekanntschaft der seinen neuen politischen Ideen aufgeschlossenen Mary Todd macht, erkennt Lincoln instinktiv, dass sein Weg Früchte tragen wird.

Etwa zur selben Zeit, rund siebenhundert Meilen entfernt an der Ostküste, genauer gesagt in Concord, Massachusetts, muss sich der zukünftige Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau gerade den Anfeindungen eines wütenden Mobs erwehren, der ihn gerne am nächsten Ast baumeln sehen würde. Und das nicht ohne Grund. Der naturverliebte Sohn eines bekannten Bleistiftherstellers, der am liebsten allem Wohlstand entsagen wollen würde, um allein von dem zu leben, was die Wildnis ihm bietet, hatte gerade eine nicht unbeachtliche Waldfläche in Brand gesteckt, nachdem er beim Braten von Fischen einmal mehr mit den Gedanken ganz woanders war. Doch jetzt hat Thoreau endgültig genug von den Menschen und ihrer Kleingeistigkeit: Er will Größeres. Daher verschenkt er sein Geld, kleidet sich in Sack und Asche, leiht sich von einem misstrauischen Schmied Axt, Hammer und ein paar Dutzend Nägel und zieht sich mitten im Winter in den Wald seines Freundes, des berühmten Philosophen Ralph Waldo Emerson, zurück. Hier will er sich eine Hütte bauen und über die Transzendenz des Leben im Allgemeinen und über sich selbst im Besonderen nachzudenken.

Eines Tages wird Lincoln auf eine Schrift von Thoreau aufmerksam, in der dieser die Pflicht zum Ungehorsam propagiert – und fällt aus allen Wolken. Spontan beschließt er, mit der Kutsche nach Concord aufzubrechen, um diesen seltsamen Waldmenschen einmal aus der Nähe zu betrachten.

In seinem beeindruckenden Roman _Mr. Lincoln & Mr. Thorea_u lässt der Autor Sebastian Guhr auf gekonnte Weise und mit leichter Hand Wahrheit und Fiktion ineinander übergehen, und auch wenn Metaphern wie: „Dieser Roman ist ein Pageturner“, oder: „Das Buch fesselt den Leser schon ab der ersten Seite“, längst ausgedient haben sollten, so geben sie dennoch exakt das wieder, was diesen Roman ausmacht: Ein Lesevergnügen bis zum Schluss. Wobei ganz besonders die trockene Art, mit welcher der Autor seinen beiden Protogonisten Leben einhaucht, wie auch das Tempo und der erfrischend nüchterne Humor bestechen, mit denen er die Geschichte vorantreibt, ohne auch nur ein einziges Mal an Glaubwürdigkeit zu verlieren oder die Bedeutsamkeit der unterschiedlichen Ansätze aus den Augen zu verlieren. Ein durch und durch gelungenes Buch, dazu noch aus einem eher weniger namhaften Verlagshaus, was den Buchhändler zusätzlich erfreut.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln