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Autor
Loß, Lennardt

Und andere Formen menschlichen Versagens

Untertitel
Roman
Beschreibung

Von einer Schnittverletzung gepeinigt, die er sich beim Durchblättern des Bordshop-Kataloges von Flug LH 510 Frankfurt/Main-Buenos Aires am Zeigefinger zugezogen hat, steht Hannes Sohr für die Bordtoilette an. Ein kurzer Wortwechsel mit der Frau vor ihm in der Schlange, sie lässt ihn vor, er kann seinen blutenden Finger unter den Wasserhahn halten – und im nächsten Moment wird Sohr an die Decke geschleudert. Das Flugzeug stürzt in den Pazifik. Er überlebt nur, da er sich an einen herantreibenden Flugzeugsitz klammern kann …
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
weissbooks. 2019
Format
Gebunden
Seiten
159 Seiten
ISBN/EAN
9783863371753
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Lennardt Loß, geb. 1992 in Braunschweig. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Jena, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main. Freier Mitarbeiter für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Literarische Veröffentlichungen in L – Der Literaturbote Nr. 126 & 127. Stipendiat des Hessischen Literaturrats in Prag, Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen (2017 und 2018), im Frühjahr 2019 Stipendiat der Roger-Willemsen-Stiftung in Hamburg. Mit seinem Debütroman Und andere Formen menschlichen Versagens hat er es auf die Hotlist 2019 und damit unter die 10 Bücher des Jahres von unabhängigen Verlagen geschafft.

Zum Buch:

Von einer Schnittverletzung gepeinigt, die er sich beim Durchblättern des Bordshop-Kataloges von Flug LH 510 Frankfurt/Main-Buenos Aires am Zeigefinger zugezogen hat, steht Hannes Sohr für die Bordtoilette an. Ein kurzer Wortwechsel mit der Frau vor ihm in der Schlange, sie lässt ihn vor, er kann seinen blutenden Finger unter den Wasserhahn halten – und im nächsten Moment wird Sohr an die Decke geschleudert. Das Flugzeug stürzt in den Pazifik. Er überlebt nur, da er sich an einen herantreibenden Flugzeugsitz klammern kann. Auch eine andere Überlebende findet ihren Weg zum behelfsmäßigen Rettungsring. Es ist dieselbe Frau, die ihm nur kurz zuvor den Vortritt zur Toilette gelassen hat. Im Pazifik schwimmend lernen die beiden sich kennen. Sie heißt Marina Palm, ist 22 Jahre alt und Studierende aus Güffingen bei Salzgitter.

Mit dem Flugzeugabsturz als Ausgangspunkt entfaltet Lennardt Loß in seinem Debütroman ein Panorama menschlichen Versagens in Episoden. Was sie eint ist zweierlei: Zum einen die Verbindung ihrer Charaktere zur verschollenen Marina Palm; zum anderen, dass Loß eben diese Charaktere mit reichlich Ecken und Kanten ausstattet. Präzise in der Sprache und nicht ohne eine Portion schwarzen Humors lässt er den Leser in die Abgründe seiner Figuren blicken: Sie sind unsympathisch, begehen Fehler, geben ihren Versuchungen nach und sie lassen ihre Mitmenschen leiden.

Um nur einige zu nennen, gibt es da beispielsweise den bereits erwähnten Hannes Sohr, der eigentlich Carl Fuchsler heißt und seit 17 Jahren polizeilich gesucht wird, weil er Rohrbomben für die RAF gebaut hat. Es gibt da Ferdinand Palm, Marinas Vater, der seiner Frau über Jahre nur aus Imagegründen täglich einen Strauß Rosen gekauft hat. Ohne sie zu übergeben, verwelken sie in aller Regelmäßigkeit im Kofferraum seines Autos. Es gibt da Victoria Palm, Marinas Mutter, die gelangweilt von ihrer Ehe eine Liste mit Männern im Umfeld ihres Mannes anfertigt und diese nach und nach verführt. Es gibt da Nadine Warren, die Mutter eines Handmodels, das auf dem Satellitenbild einer abgelegenen Insel im Pazifik die Buchstaben H E L P entdeckt. Um durch die lukrativen Einkünfte ihres Sohnes ein ausschweifendes Leben führen zu können, zwingt sie ihn, sich halbstündlich von ihr die Hände eincremen zu lassen und stets Seidenhandschuhe zu tragen. Und schließlich gibt es da noch den Boxtrainer von Marinas Freund Aco, der Marinas Geschichte medial ausschlachten will, um den Wert seines Schützlings zu Beginn seiner Profikarriere als Boxer zu steigern.

Die Lust des Autors am Erzählen und sein Gespür für stories machen Und andere Formen menschlichen Versagens zu einem kurzweiligen wie interessanten Lesevergnügen. Jede der Geschichten in der Geschichte um Marina Palms Verschwinden bietet eine Vielzahl fesselnder und gut recherchierter Details. Derer gibt es im Buch viel mehr, als ihnen im notwendigerweise knappen Rahmen einer solchen Rezension Genüge getan werden könnte. Da hilft nur selbst lesen.

Max Eisenbarth, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt