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Autor
Page, Kathy

All unsere Jahre

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Beschreibung

Kurz bevor England in den Zweiten Weltkrieg eintritt, begegnen sich Harry Miles und Evelyn Hill auf den Stufen einer Londoner Stadtteilbibliothek und Harry entbrennt auf der Stelle für die temperamentvolle und willensstarke Evelyn. Sie scheinen gut zusammenzupassen: Beide kommen aus der Unterschicht und sind entschlossen, diesem Milieu zu entkommen. Harry macht gerade eine Ausbildung zum Laborassistenten und Evelyn arbeitet in einem Anwaltsbüro. Alles sieht so aus, als wäre das Glück auf ihrer Seite – aber eine Bilderbuchfamilie und ein Haus mit Garten bedeuten nicht unbedingt auch dauerhaftes Glück.

All unsere Jahre ist ein außergewöhnliches Buch. Auf knapp dreihundert Seiten erzählt Kathy Page eine Geschichte ohne Dramatik, ohne große Schicksalsschläge, ohne überbordende Tragik. Sie erzählt von einer ganz gewöhnlichen Ehe – dies aber mit außerordentlich genauer Beobachtungsgabe, feinnervig und ohne Pathos. Dass man dieses Buch mit nicht nachlassendem Interesse und großem Vergnügen liest, ist hohe Erzählkunst und die beherrscht Kathy Page meisterhaft.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Wagenbach Verlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
304 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8031-3313-7
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Kathy Page ist Autorin von acht Romanen und zwei Erzählbänden, für die sie vielfach ausgezeichnet wurde. In Großbritannien geboren und aufgewachsen, lebt sie nun seit einigen Jahren auf Salt Spring Island bei Vancouver in Kanada. Sie unterrichtet an der Vancouver Island University. Für »All unsere Jahre« erhielt sie den Rogers Writers’ Trust Fiction Prize.

Zum Buch:

London, kurz vor dem Eintritt Englands in den Zweiten Weltkrieg: Harry Miles, Anfang Zwanzig, stammt aus äußerst einfachen Verhältnissen. Die Familie lebt in einem kleinen Reihenhäuschen mit Außentoilette, die Mutter sorgt für die Kinder, der Vater – eine Ausnahme in diesem Milieu – ist arbeitsam, trinkt nicht und schlägt nicht. Beide wollen, dass ihre Kinder es einmal weiter bringen als sie selbst. Harry, der dank eines Stipendiums eine Privatschule besucht, ist ein Außenseiter, kann sich aber durchsetzen und lernt gerne. Ein Lehrer weckt seine Liebe zur Literatur, noch mehr zur Lyrik, und dennoch entscheidet er sich gegen ein Studium und beginnt eine Ausbildung als Laborassistent.

Evelyn Hill kommt aus dem gleichen Milieu, allerdings ist ihr Vater ein tuberkulöser Trinker, der von Arbeit wenig hält, und die Mutter hat ihm nichts entgegenzusetzen. Als Evelyn älter wird, verachtet sie die Eltern und deren schäbiges Leben. Sie ist wild entschlossen, nie in solchen Verhältnissen zu enden, und ist froh, in einem Anwaltsbüro ihr eigenes Geld zu verdienen.

Harry und Evelyn begegnen sich eines Abends auf den Stufen einer Londoner Stadtteilbibliothek und Harry entbrennt sofort für die hübsche und temperamentvolle junge Frau, die klar zu wissen scheint, was sie will und was nicht. Als England in den Zweiten Weltkrieg eintritt, meldet sich Harry freiwillig. Die beiden heiraten, bald kommt die erste Tochter zur Welt. In den seltenen Urlauben, die Harry zwischen seinen Kriegseinsätzen zu Hause verbringt, schmieden sie Zukunftspläne. Und tatsächlich bildet sich Harry nach Kriegsende in Abendkursen weiter und bekommt eine gute Anstellung in der Stadtverwaltung. Es beginnt eine Zeit, in der sich ihre Träume vom besseren Leben zu erfüllen scheinen. Sie kaufen ein ziemlich großes Haus in einer „besseren“ Gegend und verschulden sich für die nächsten vierzig Jahre. Zwei weitere Töchter werden geboren. Aber unter die erfolgreiche Oberfläche schleichen sich Unstimmigkeiten und Spannungen und ihre ungleichen Temperamente prallen immer häufiger aufeinander.

Harry, ein sanfter, nachgiebiger Mann, ist eingespannt zwischen Beruf und Familienleben. Zurückgezogenheit und Ruhe zum Lesen oder Schreiben findet er kaum, zumal Evelyn dafür wenig Verständnis hat. Sie ist eine pragmatische Natur, Zwischentöne und Zweifel sind ihr fremd. Sie ist besessen von ihrer Vorstellung eines perfekten Lebens. Im Laufe der Jahre treten ihre Charakterzüge zunehmend deutlicher hervor. Fand Harry sie anfangs temperamentvoll, meinungsstark und bewunderte ihren Willen, nicht nachzugeben, erfährt er sie zunehmend als starrsinnig, unbeherrscht und egozentrisch.

So weit die auf den ersten Blick simple Handlung des Buches. Es wäre allerdings völlig falsch, All unsere Jahre auf eine durchschnittliche Ehegeschichte zu reduzieren. Kathy Page hat ein sensibles, psychologisch genaues Porträt einer lebenslangen Beziehung geschrieben. In manchem erinnert ihr Buch an die grandiose Roman-Triologie von Jane Gardam (Old Filth). Aber Pages Buch ist schärfer, mitleidloser und gnadenloser genau – ohne seine Protagonisten gegeneinander auszuspielen oder sich auf eine Seite zu schlagen. Harrys Nachgiebigkeit, die ihn immer wieder in Versuchung führt, Evelyns explosive Ausbrüche zu befrieden (was selten gelingt), wird ihm von seiner jüngsten Tochter als Schwäche vorgeworfen. Denn sein Unvermögen, dem Temperament seiner Frau etwas entgegenzusetzen, ist das Gegenstück zu ihrer zunehmenden Unbeherrschtheit, Egomanie und dem Unvermögen, zufrieden zu sein.

All unsere Jahre ist ein außergewöhnliches Buch. Auf knapp dreihundert Seiten erzählt die Autorin eine Geschichte ohne Dramatik, ohne große Schicksalsschläge, ohne überbordende Tragik und dies mit außerordentlich genauer Beobachtungsgabe, feinnervig und ohne Pathos. Dass man dieses Buch mit nicht nachlassendem Interesse und großem Vergnügen liest, ist hohe Erzählkunst und die beherrscht Kathy Page meisterhaft.

Ruth Roebke, Bochum