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Autor
Sarrazin, Albertine

Querwege

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Beschreibung

Mit Querwege ist endlich auch der dritte Roman der Ausnahmeautorin Albertine Sarrazin in deutscher Übersetzung erschienen. Das hochpoetische, autobiographisch inspirierte Werk thematisiert Sarrazins Leben zwischen Kriminalität und Haft. Querwege ist ihr letzter Roman, in dem sie nicht nur die Schwierigkeit schildert, sich nach langer Haftzeit in einem bürgerlichen Leben einzurichten, sondern auch auf bewundernswerte Weise das Verhältnis der Protagonistin zum Schreiben.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
INK Press, 2019
Format
Kartoniert
Seiten
228 Seiten
ISBN/EAN
978-3-906811-12-3
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Zwischen August und November 1966 hat Albertine Sarrazin Querwege, ihren dritten und letzten Roman, verfasst, der noch zu Lebzeiten ihren Ruhm als Bestsellerautorin bekräftigt. Geboren 1937 in Algier wird sie von einem griesgrämigen französischen Ehepaar adoptiert und realisiert schon früh, dass sie zu niemandem gehört. Ein Viertel ihres Lebens verbringt sie in Frankreichs Gefängnissen und kritzelt Notizen für die Romane “Astragalus” und “Der Ausbruch” auf Papier, um immer anwesend zu sein. 1967 stirbt die Autorin mit 29 Jahren nach einer Nierenoperation und hinterlässt ein einmaliges, im Knast gelebtes und erdichtetes Werk.

Zum Buch:

Albe, die Protagonistin dieses Romans, beginnt ihre kriminelle Laufbahn früh und findet sich bereits als Minderjährige vor Gericht wieder. Dort sagen sich ihre Adoptiveltern von ihr los; sie seien zu alt. Wozu zu alt, das sagen sie nicht. Der Roman schildert knapp und eindringlich das tiefe Gefühl der Unzugehörigkeit und Verlassenheit der jungen Frau, deren einziger Ankerpunkt ihre Liebe zu ihrem späteren Partner Lou wird.

Schon in den vorherigen Romanen bildet Lou das Gegengewicht zu den Erfahrungen vor Gericht und im Gefängnis. In Querwege hingegen befindet sich Albe die meiste Zeit auf freiem Fuß, konkret: auf Bewährung mit der Verpflichtung, sich wöchentlich auf einem Revier zu melden. Zwischen enttäuschenden Widersehen alter Freundinnen – die ihr in den Tagen der Gefangenschaft die nächsten Menschen gewesen waren –, hoffnungslosen und abstrus wirkenden Annäherungsversuchen zwischen Tochter und Adoptivmutter – die jetzt, nach dem Tod des tyrannischen Mannes, in ein Kloster gezogen ist – und andauernden Komplikationen mit Arbeitgebern und Vermieterinnen kämpft sich Albe durch ein Alltagsleben, das ihrem unstillbaren Bedürfnis nach Freiheit und Ungebundenheit zutiefst wiederspricht.

Albe verabscheut jede Form der Einschränkung, von den Gefängnismauern über die zermürbende Regelmäßigkeit der Lohnarbeit bis hin zu den höflichen Gesprächen mit der Nachbarin, mit der man sich gutstellen muss. Freiheit, das ist Lou. Das ist der Bruch. Das ist eine dunkle Straße, ist Ausgelassenheit und Erschöpfung. Freiheit ist im Schreiben. Und der Beweis, den Albe sich und der Welt erbringt, dass ihr Leben mehr ist als eine Abfolge von Einschränkungen.

Sarrazins Stil entspricht jener unbedingten Radikalität der Ungebundenheit. Ihre Romane sind der Gegenentwurf zur kontemplativen Gefängnisliteratur, bei welcher der äußeren Abschottung das innere Exil folgte. Sie sind aber auch frei von Verklärung.

Sarrazin war eine Autorin, die gesellschaftliche wie schriftstellerische Konventionen ablehnte, nicht aus theoretisch idealistischer Überzeugung heraus, sondern weil sie diese aufrichtig und andauernd als Zumutung empfand und zeitlebens gegen sie ankämpfte. „Sachen zu schreiben ist nichts, das Schwierige ist sie zu leben.“

Diese Rezension wäre nicht vollständig ohne die anerkennende Hervorhebung der Übersetzungsarbeit von Claudia Steinitz. Sarrazins lyrische Leichtigkeit und Scharfsinn lassen sich dank der mutigen Übersetzerin auch in der deutschen Ausgabe erspüren.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt