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Autor
Zeman, Barbara

Immerjahn

Untertitel
Roman
Beschreibung

Der steinreiche Erbe Immerjahn will seine Villa mitsamt der eindrucksvollen Kunstsammlung zum Museum machen. Doch bei den Vorbereitungen verstrickt er sich zunehmend in den Fäden seiner Liebes- und Lebensgeschichte. Statt unentwegt an der bevorstehenden Eröffnung zu arbeiten, wird Immerjahn von seiner Melancholie übermannt, und während der Sohn Olympisches Gold erschwimmt, offenbart sich Immerjahn, dass seine Frau Katka wohl seit Jahren schon seinen besten Freund liebt. So scheint ihm kurz vor der Ausstellungseröffnung nicht nur die Zeit zwischen den Fingern zu zerrinnen, sondern sein ganzes Leben.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hoffmann und Campe, 2019
Format
Gebunden
Seiten
288 Seiten
ISBN/EAN
978-3-455-00495-3
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Barbara Zeman, geboren 1981 im Burgenland, lebt seit achtzehn Jahren in Wien, wo sie Geschichte studierte und als Journalistin für den Falter, The Gap und Die Presse schrieb. Für ihre Kurzgeschichten wurde sie mehrfach mit Aufenthalts- und Arbeitsstipendien ausgezeichnet. 2012 gewann sie den Wartholzpreis.

Zum Buch:

„Reflexionsbecken“ ist eines der Worte, die einem gewöhnlich selten unterkommen, in Barbara Zemans Debütroman Immerjahn aber eine scheinbar selbstverständliche Präsenz bekommen. Eine ebenso selbstverständliche Präsenz bekommt die Lebenswelt des steinreichen Industriellenerben Gotthold Immerjahn bei der Lektüre des Romans. Immerjahns Welt, geprägt von drückendem Müßiggang und seiner Tätigkeit als Kunstsammler, rückt einem erstaunlich nahe.

Im Zentrum der Geschichte steht die (fiktive) Mies-van-der-Rohe-Villa auf dem nicht näher lokalisierten „Hagebuttenberg“. Hier lebt Immerjahn seit dem Tod seiner Eltern, obwohl es ihm in dem schäbigen Zimmer ohne Bad, in dem er zuvor bei seinem Freund, dem Maler Fritzwalter gewohnt hatte, auch gut gegangen war. Bei Fritzwalter hatte Immerjahn seine Frau Katka kennengelernt, die seit der Heirat nicht recht zu wissen scheint, was sie mit dem ganzen Reichtum anfangen soll. Katka, die häufig einfach verschwindet, bleibt für Immerjahn außer Reichweite. Selbst der gemeinsame Sohn, der achtzehnjährige Raffael, stiftet keine tiefere Verbundenheit zwischen den Eheleuten, tatsächlich spielt er in Immerjahns Welt kaum eine Rolle. Raffael schwimmt jede freie Minute im van-der-Rohe-Reflexionsbecken und bringt es damit sogar zu olympischem Gold. Wichtiger für Immerjahns Welt dagegen sind die Haushälterin Frau Manzur, die die Mahlzeiten bereitstellt (denn, auch wenn er es zu unterdrücken versucht, denkt Immerjahn ständig ans Essen), und seine Kunstwerke.

Die eigentliche Handlung setzt ein kurz nachdem Immerjahn sich entschieden hat, seine Kunstsammlung in der unteren Etage der Villa der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Immerjahn glaubt, dass die Betrachtung der Menschen, die sich in die Werke aus seiner Sammlung vertiefen, ihn aus seiner festgefahrenen und unproduktiven Beziehung mit den Kunstwerken befreien könnte. Diese nämlich, so vermutet er, hindert ihn daran, an der Welt teilzunehmen, und macht aus ihm eine tragisch-lächerliche, eine überflüssige Figur. Hat er ein neues Kunstwerk erworben, belebt ihn die Betrachtung zwar für kurze Zeit; der Effekt lässt aber schnell nach, sodass er immer neue Kunstwerke kaufen muss. Deshalb glaubt Immerjahn, dass Besitz und Konsum der Ursprung allen Übels seien: Sie drücken ihn nieder und halten ihn vom souveränen und sinnvollen Tun ab.

Die Vorbereitungen für die Umgestaltung der Villa zu einem Museum lassen ihn von ziellosem Aktivismus in drückende Lähmung fallen. Der Ausnahmezustand im Haus aber scheint die dämpfende Schicht, die ihn gewöhnlich zuverlässig von der Außenwelt abschottet, durchlässiger zu machen, und so dringen, zumindest punktuell, die Belange seiner Mitmenschen in sein Bewusstsein ein. Das zwingt ihn schließlich, sein bisheriges Leben zu ändern und die Autorität über sein Leben zurückzuerobern.

Ein Happy End erlebt die Leserin aber nicht auf der Ebene der Handlung, sondern in dem Erlebnis von Zemans großartiger Sprache. Sie ist dafür verantwortlich, dass nach der Lektüre nicht nur der Protagonist und seine melancholisch-getriebenen, hektisch-verschwitzten und ziellos-müßigen Gedankentiraden, sondern auch wunderschöne Beschreibungen in Erinnerung bleiben.

Alena Heinritz, Graz