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Autor
Firestone, Shulamith

Airless Spaces

Untertitel
Essays. Aus dem Englischen von Benjamin Dittmann-Bieber
Beschreibung

Shulamith Firestone, eine der wichtigsten Stimmen des Second-Wave Feminism, hat nach ihrem Ausstieg aus dem akademischen Betrieb eine Reihe von Erzählungen geschrieben, die erst nach ihrem Tod in dem Band Airless Spaces, Portraits publiziert worden sind. Nun liegt dieses erstaunliche und erschütternde Werk in deutscher Übersetzung vor. Firestone, die selbst an Schizophrenie erkrankte, beschreibt Insassen psychiatrischer Anstalten, Teilnehmer von Wiedereingliederungs-Maßnahmen, Vergessene und Vereinsamte. Die Autorin schildert nüchtern und dafür umso eindrücklicher, wie ausgeliefert psychisch Kranke sind, ausgeliefert sowohl an die eigene Krankheit als auch an die Institutionen.
(Ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Turia + Kant Verlag, 2019
Format
Kartoniert
Seiten
223 Seiten
ISBN/EAN
978-3-85132-930-8
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Shulamith Firestone (Ottawa 1945 – New York 2012), Ikone des Feminismus in den 70er-Jahren, studierte Malerei in Washington und Chicago und war Künstlerin, Schrifstellerin und Bürgerrechtlerin. Firestone zählte zu den Mitbegründerinnen und exponiertesten Figuren des Radikalfeminismus in den USA. Nach dem Erscheinen von The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution (1970), durch das sie große Bekanntheit erlangte, zog sich Firestone zunehmend zurück. Ihre letzten Jahre waren von einer ernsthaften psychischen Erkrankung gezeichnet.

Zum Buch:

Die Erzählungen der feministischen Theoretikerin und Frauenrechtlerin Shulamith Firestone wirken auf den ersten Blick bemerkenswert unausgewogen in ihrer Auswahl. Während manche der kurzen Schilderungen sich dramatisch zuspitzen, verläuft sich bei anderen die Spannung, bis sie sich verliert. In diesem Punkt sind die Portraits, wie die Autorin die Sammlung nennt, exemplarisch für das Leben. In dem auf eine Erniedrigung nicht zwangsläufig ein Aufbegehren, auf das Aufbegehren kein Ausbruch, auf die Begegnung mit der großen Liebe meist schlicht gar nichts folgt.

Die Personen, die Firestone beschreibt, sind Insassen einer psychiatrischen Anstalt, Teilnehmer von Wiedereingliederungs-Maßnahmen, Vergessene und Vereinsamte am Rande einer Gesellschaft. Eine Zwangsdusche mag die gleiche Erfahrung von Hilflosigkeit und Unselbstständigkeit bergen wie die Unmöglichkeit, in einer geschlossenen Anstalt Wert auf seine äußere Erscheinung zu legen. So schmerzlich dies für die portraitierten Personen auch sein mag, in den jeweiligen Einrichtungen gehören sie zum Alltagsgeschäft. Die Personen sind den Übergriffen, der subtilen wie groben Gewalt der Institutionen ebenso ausgeliefert wie ihrer Krankheit, die sich nicht selten ebenfalls autoaggressiv äußert. Einrichtungen, wie die Herausgeberin Chris Kraus im Vorwort so treffend schreibt, in denen „die Worte ‚Behandlung‘, ‚Aktivität‘ und ‚Gemeinschaft‘ zu Recht in Anführungszeichen erscheinen.

Firestone wird diesem Widerspruch gerecht, in dem ihre Darstellungen einerseits sehr präzise, mit einem genauen Blick für das Persönliche, andererseits aber nüchtern und sachlich gehalten sind. Dieser Erzählungsband, der auch als Reportage gelesen werden kann, ist exemplarisch für die feministische, literaturpolitische Bewegung dieser Zeit, in der sowohl Beschreibungen eines zwanghaften Alltags als auch autobiographische Arbeiten eine Hochphase erlebten.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt