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Autor
Giroud, Francoise

Ich bin eine freie Frau

Untertitel
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Beschreibung

Françoise Giroud – Intellektuelle und leidenschaftlich Liebende – ist Anfang vierzig, als ihre große Liebe Jean-Jacques Servan-Schreiber sich 1960 von ihr trennt. Mit ihm hat sie das Nachrichtenmagazin „L’Express“ gegründet und geleitet. Alles, wofür sie gelebt, gekämpft und gearbeitet hat, ist mit einem Schlag verloren. Sie überlebt einen Selbstmordversuch und schreibt in den Monaten danach dieses beeindruckende, lange verloren geglaubte Bekenntnis einer starken Frau, das Einblick gibt in Medien, Politik und Gesellschaft jener Jahre. …
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Zsolnay Verlag, 2016
Format
Gebunden
Seiten
240 Seiten
ISBN/EAN
978-3-552-05766-1
Preis
19,90 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Françoise Giroud (1916-2003) war eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. Sie war Chefredakteurin von “Elle” und gründete zusammen mit Jean-Jacques Servan-Schreiber das französische Nachrichtenmagazin “L’Express”. Sie hat rund dreißig Bücher geschrieben. Viele von ihnen wurden übersetzt, z.B. ihre Biografien über Jenny Marx, Cosima Wagner und Alma Mahler.

Zum Buch:

Francoise Giroud wurde am 21. September 1916 in Lausanne als France Léa Gourdji geboren. Ihre Eltern sind jüdisch, kommen aus dem osmanischen Reich. Der Vater politisch verfolgt, emigriert mit der Familie zunächst in die Schweiz. Mit der Geburt seiner Tochter ist er nicht glücklich, ein Sohn wäre ihm lieber gewesen. Mit 40 Jahren stirbt der Vater nach 2jähriger Internierung in einer psychiatrischen Klinik an Syphilis. Sie bleibt zunächst bei der liebenswert chaotischen Mutter, die voll guter Ideen, aber ohne Geschäftssinn das Erbe dahinschmelzen lässt. Mit der Großmutter – Françoise bezeichnet sie als Monster – ist sie schnell auf Konfrontationskurs. Dieser herrischen alten Dame wird es nicht gelingen, Francoises Willen zu brechen.

Mit 12 Jahren kommt sie ins Internat. Weil sie nur ein Kleid besitzt, machen sich ihre reichen Zimmergenossinnen über sie lustig. Am privaten Sportunterricht kann sie nicht teilnehmen, weil das Geld dafür fehlt. Regelmäßig ist sie Demütigungen und Angriffen ausgesetzt. Glücklicherweise wird sie von den Lehrern nach ihren schulischen Leistungen beurteilt, und die sind sehr gut. Die schmerzhafteste Erfahrung aber macht sie, als die Direktorin sie das Fehlverhalten einer reichen Mitschülerin büßen lässt. „Das war die Lektion, die ich lernen musste – ich bin schuldig, weil ich lebe. Kinder wie ich sind überflüssig. Es gibt für sie keinen Platz“ (S. 42) wird sie später schreiben.

Von der Schule verwiesen, nimmt sie mit 14 Jahren ihre erste Arbeitsstelle an, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Über die Arbeit als Sekretärin kommt sie zu ihrer eigentlichen Bestimmung: dem Schreiben. Sie ist erfolgreich, ihr Aufstieg rasant. Schreibend erobert sie sich die Welt, als Journalistin und Feministin der ersten Stunde. Auf ihrem beruflichen Weg trifft sie viele intellektuelle Berühmtheiten wie Sartre, Camus und Beauvoir, arbeitet mit politischen Größen wie Valéry Giscard d’Estaing und Jacques Chirac zusammen. Mit Jean-Jaques Servan-Schreiber verbindet sie mehr, zum einen die Liebe, zum anderen die Gründung des Nachrichtenmagazins „L’Express“, dass sie viele Jahre auch gemeinsam geführt haben. Als er sie verlässt und ihr auch noch die Arbeit kündigt, verliert sie den Boden unter den Füßen. Der gut geplante Selbstmord gelingt nicht, in letzter Minute wird sie gerettet.

Ihr Leben war von Anfang an eine rasante Achterbahn, spannungsgeladen, immer dem Burnout nahe. Zeit zum Ausruhen gab es nicht. Nach dem Selbstmordversuch schreibt sie ihre Geschichte auf. Ihr Fazit: „Ich bin eine freie Frau. Eine glückliche Frau war ich auch, vermag es also zu sein – was gibt es Selteneres auf der Welt?“ Veröffentlicht werden sollte sie eigentlich nicht.

Im Zsolnay Verlag ist dieses mutige und kämpferische Vermächtnis einer klugen Frau, die ihrer Zeit weit voraus war, jetzt erschienen. Aus sicherer intellektueller Distanz beschreibt sie ihre schwerste Lebensphase. Sucht und analysiert die möglichen Ursachen für ihre Verletzlichkeit und findet Antworten, die ihr helfen, weiterzumachen. Ehrlich und offen beschreibt sie ihre Gefühle. Der Stil, der so rasant ist wie ihr Leben, lässt den Leser atemlos werden.

Wie kann man diesem intelligenten und aufrichtigen Buch einer verletzlichen Frau gerecht werden? Indem man es wieder und wieder liest, um so viel wie möglich für sich selbst daraus mitzunehmen.

Brigitte Hort, Eitorf