Zum Buch:
Der junge Mann aus Uganda, der Ende der 60er Jahre vom Militär zur Pilotenausbildung nach Griechenland geschickt wird, blickt optimistisch in die Zukunft. Die Härte der Ausbildung stört ihn nicht, solange sie ihn an das Ziel bringt, von dem er seit langem träumt: Fliegen. Er ist ein guter Sportler, gewinnt im vollbesetzten Stadion von Olympia unter dem Jubel der Zuschauer den Hochsprung, hat eine Freundin, die ihn liebt, und ist dabei, das Trauma seiner bei seinem brutalen großen Bruder verbrachten Kindheit zu überwinden. Aber dann putscht sich in Uganda Idi Amin an die Macht, und die jungen Piloten werden von einem auf den anderen Tag aus Griechenland zurückbeordert, um im Bürgerkrieg zu kämpfen – und das bedeutet für diesen jungen Mann, Bomben auf seine Familie zu werfen. Er desertiert nach Rom zu einer Cousine, und wieder hat er Glück: Er könnte einen Job bekommen und ein gutes Leben führen – nur Fliegen könnte er auf lange Zeit nicht mehr. Und so nimmt er in aller Naivität und gegen den Rat seiner Freunde und Verwandten das Angebot einer Firma in Sambia an, Sprühflugzeuge zu fliegen – und gerät geradewegs in eine Hölle, aus der er nie mehr zurückkehren wird.
Johannes Anyuru nähert sich in diesem autobiografisch geprägten Roman der Geschichte seines Vaters an, der ahnungslos zwischen die Fronten der Bürgerkriege in und zwischen den gerade unabhängig gewordenen ostafrikanischen Staaten geraten und daran zerbrochen ist. Aber wie nähert man sich der Geschichte eines Vaters an, der sich vor allem durch Abwesenheit auszeichnete? Anyuru löst das Problem, indem er seinen Protagonisten, der im Roman nur P. heißt, zunächst quasi einem Verhör unterzieht – dem Verhör, dem P. bei seiner Ankunft in Sambia wochenlang ausgesetzt ist und bei dem man ihm immer und immer wieder die Frage nach dem Grund für seine Rückkehr stellt. Doch um das zu beantworten, muss der Verhörte sich zunächst fragen, warum und von wo er weggegangen ist – das heißt, er muss sich erinnern. Und er muss sich fragen, wohin er zurückgekehrt ist, um möglichst unbeschadet aus der Verhörsituation hinauszukommen – das heißt, er muss beobachten und einordnen. Aus den Erinnerungen setzt Arunyu die Kinder- und Jugendjahre seines Vaters zusammen und entwirft das Bild einer Person, das auch für den Leser zunehmend lebendiger wird. Das Bild eines Menschen, der ein guter oder zumindest ein anwesender Vater hätte werden können, wäre er nicht rein zufällig in den Sturm der Geschichte geraten, den er nur beobachten kann und in dem ihm nichts anderes blieb als die endlose Flucht. Und so bleibt dem Autor wie dem Leser nur, wie der Engel der Geschichte aus Walter Benjamins Text, dem der Titel des Buches entnommen ist, entsetzt und hilflos auf die Katastrophen der Vergangenheit zu starren und gleichzeitig wehrlos in die Zukunft gezogen zu werden.
„Ein Sturm wehte vom Paradiese her“ ist ein wunderbares, leises und poetisches Buch über unverschuldete menschliche Hilflosigkeit, über Vaterlosigkeit, über Afrika, über Fluchtgründe und Flüchtlinge, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.
Irmgard Hölscher, Frankfurt