Zum Buch:
Als das Verhältnis von Anatol zu seiner Mutter am Tiefpunkt angekommen ist, schickt ihn Ottilie — Wahlverwandte und Ersatzoma — ohne Rückflugticket in die Vereinigten Staaten, in eben jene Kleinstadt, in welche sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Eltern gezogen war. Beiden jedoch wird hier kein Neustart gelingen; beide kehren sie nach kurzer Zeit nach Deutschland zurück. Anatol, nachdem es ihm nicht gelungen ist, die Bilderbuchfamilie, die er aus seinen frühen Kindertagen kennt, mit einem eigenen Kind wiederherzustellen, und Ottilie, um sich der Aufklärung der faschistischen Verbrechen ihres Vaters zu widmen. Lou, Anatols Mutter, befindet sich zwischen diesen beiden Charakteren. Nicht nur die Rückkehr ihres Sohnes droht sie zu überfordern, ihre Freundin ist nach einem Sturz auf ihre Hilfe angewiesen, die Neofaschisten – und ehemaligen Freunde – aus dem Kleingartenverein haben keine Zeit verloren, Ottilies Parzelle in deren Abwesenheit in einen Prepper-Bunker zu verwandeln. Gerüstet für den Weltuntergang wollen sie, wie sie sagen, ihr Leben endlich wieder selbst in die Hand nehmen. Auf der kleinen Deutschlandkarte in der Laube markieren rote Stecknadeln jedes Asylbewerberheim, das in den letzten Jahren brannte.
Der Titel Trümmerfrauen und die inhaltliche Drehung, die er durch die Frauen, die hier mit ihm verknüpft werden, erfährt, kann geradezu als paradigmatisch für das Vorhaben des Romans von Christine Koschmieder genommen werden. Der Stil der Autorin besteht auf einer Erzählung, die jede Mystifizierung, sei sie von Widerstand oder Grausamkeit, unmöglich macht. In ihren Figuren zeigt sich die Gleichzeitigkeit von alltäglicher Positionierung und politischer Realität. Sie stehen weder exemplarisch für eine bestimmte Gruppe oder Idee noch erlauben die Schilderungen ihrer Neurosen und Ängste eine psychologisierende Deutung. Trümmerfrauen erfindet für sich die Form eines Historienromans, der seine Figuren provozierend durchschnittlich erscheinen lässt; in ihren Ängsten und Neurosen nicht selten auch lächerlich.
Dieser Roman wird einem mitnichten die psychologischen Grundlagen eines ostdeutschen Faschismus oder die sozialen Voraussetzungen antifaschistischer Gegenwehr darlegen. In einem gewissen Sinne ist er sogar ein Gegenentwurf zum Stil Annie Ernaux’ oder Didier Eribons. Dieses Buch wird – ebenso wie es die gerade erwähnte französische Gegenwartsliteratur in ihrer eigenen Form getan hat – jede*r Leser*in die Möglichkeit bieten, sich neu damit auseinanderzusetzen, wie wir Geschichte erzählen.
Theresa Mayer, autorenbuchhandlung Marx & co, Frankfurt