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Autor
Izzo, Jean-Claude

Aldebaran

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Katarina Grän und Ronald Voullie
Beschreibung

Izzo nimmt sich in “Aldebaran” des Schicksals dreier Seeleute an, die im Hafen von Marseille auf das unwahrscheinliche Wiederauslaufen ihres Frachters warten.

Verlag
Unionsverlag, 2003
Format
Taschenbuch
Seiten
256 Seiten
ISBN/EAN
978-3-293-20267-2
Preis
9,90 EUR

Zum Buch:

Der Wein ist zum Erinnern da, nicht zum Vergessen. Welch’ eine Aussage am Ende des ersten Kapitels! Izzo nimmt sich in “Aldebaran”, erschienen im Unionsverlag in der Reihe “Rund ums Mittelmeer”, des Schicksals dreier Seeleute an, die im Hafen von Marseille auf das unwahrscheinliche Wiederauslaufen ihres Frachters warten. Der Reeder ist in Konkurs gegangen, das Schiff muß verkauft werden, ein sinnloses Harren über Monate beginnt. Das ist viel Zeit, eine belastende Zeit für die gestrandeten Seeleute, die sich auf die Suche nach der Wahrheit des Lebens machen. Ein Drama entwickelt sich, ausweglos, das den Männern letztlich Antwort geben wird auf die brennende Frage nach ihrer Identität. Izzo gehört zu denjenigen Autoren, denen der roman noir am Herzen liegt, die in der Nachfolge von 1968 versuchten, das Publikum mit gleichzeitig realistischen, sozialkritischen und unterhaltenden Texten zu erreichen. Die Geschichte der Männer der Aldebaran ist so ein Fall, wie der Autor in einem Gespräch mit der kommunistisch orientierten französischen Monatspublikation “Regards” erläuterte: “Ich hatte diese Geschichten von Seeleuten im Kopf; sie saßen im Hafen fest, weil der Reeder in Konkurs gegangen war. Es gab einen solchen Fall in Marseille, ich habe ihn verfolgt, und mir war klar, dass ich hier ein hervorragendes Thema für einen Roman hatte, ein Thema, wie die Realität uns immer wieder liefert.” Der Kapitän des Schiffs, Abdul Aziz, ein Libanese, und sein Erster Offizier, Diamantis aus Griechenland, sind ihr Leben lang zur See gefahren, auf vielen Fahrten gemeinsam, schätzen sich als ehrenhafte Männer ohne jeden Tadel. Außer ihnen ist nur noch der lebenshungrige junge Türke Nedim von den ursprünglich sieben Besatzungsmitgliedern auf der Aldebaran verblieben. Es muß die Zeit und die Verzweiflung des Gestrandeten sein, die die Männer erkennen lassen, dass sie mehr verbindet, und sie beginnen einander zu erzählen, über die kleinen und großen Erlebnisse aus der Vergangenheit, über ihre Frauen, über die Momente am Scheideweg. Schwermütige Gedanken sind das, Gedanken über die Wirren und die Wahrheit des Lebens, über Glück, Liebe, Fehler, Verzeihen, Mut und die Zukunft. Obwohl das Vergangene ihre Tage ausfüllt, steht die Gegenwart nicht still, und in Marseille, der Stadt voll Leben, Verlockungen, Düfte, Frauen, Erinnerung und Einsamkeit rasen die Geschehnisse auf ein tragisches Ende zu, ohne dass die nach Antworten suchenden Männer dies begreifen, geschweige denn aufhalten können. “Das Meer”, so Izzo im Gespräch mit “Regards”, “ist praktisch die letzte Zuflucht in unserem Leben. … Ich glaube inzwischen, dass das Meer bei all den Fragen, die die Gesellschaft beschäftigen, bei allem, was uns ängstigt, der Ort ist, an dem man sowohl alles noch einmal überdenken wie auch Abstand gewinnen kann.” Izzo ist Marseiller durch und durch, sein Vater ist Italiener, die Mutter Spanierin. So ist nicht verwunderlich, wenn er fortfährt: “Darüber hinaus hat das Mittelmeer für mich ebenso wie für meine Figuren einen symbolischen Wert. Es ist das Meer, das wesentlich ist, das Meer der Ursprünge, das Meer aus dem wir unsere Kultur entwickeln. … Ob man nun von dem einen oder auch dem anderen Ufer des Mittelmeers stammt, es ist das gleiche Land. Es geht da nicht um Nachbarschaft, es geht um die Frage von Identität.” Jean-Claude Izzos Roman gehört sicherlich nicht zur leichten Lektüre für amüsante Stunden. Aus der Sicht seiner Figuren berichtet der Autor schonungslos realistisch über die kleinen Momente des Glücks und die harte Wirklichkeit; Raum für Pathos gibt es nicht. Bilder und Symbole passen zur direkten Sprache des Seemanns. Der anspruchsvolle, detailfreudige Erzählstil springt wie fliegende Gedanken, schweift in die Vergangenheit, verharrt dort, bindet an die Gegenwart an und setzt die Figuren schließlich verwirrt und gedankenschwer im Jetzt aus. Kaum, dass die Chance besteht, in der Gegenwart Fuß zu fassen, überstürzen sich die Ereignisse und nehmen Protagonisten und Leser gleichermaßen den Atem. Ein glaubwürdiges und zeitloses Werk, dessen Ausweglosigkeit auch den Leser erfasst und am Ende ein wenig grübelnd zurücklässt. Martina Morawietz, Der andere Buchladen, Köln.