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Autor
Williams, John

Stoner

Untertitel
Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben
Beschreibung

Als das Farmerehepaar Stoner im Jahr 1910 beschließt, den einzigen Sohn William auf das neue Institut für Agrarwissenschaften an der Universität von Missouri zu schicken, tun sie das in der Hoffnung, er möge ihnen und letztlich sich selbst dazu verhelfen, dem kargen Boden bessere Ernten abzuringen. Der Junge tut, was man von ihm verlangt, und hat kaum eigene Wünsche. Natürlich muss er bei den Verwandten in der Universitätsstadt, bei denen er wohnt, für Kost und Logis arbeiten, bringt es aber dennoch pflichtbewusst zu guten Noten. Aber das alles ändert sich ganz unerwartet, als er in dem Pflichtkurs für englische Literatur bei einem Shakespeare-Sonett so etwas wie ein Erweckungserlebnis hat und ihm die Schönheit der Sprache einen ganz neuen Blick auf die Welt eröffnet.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
dtv, 2013
Format
Gebunden
Seiten
352 Seiten
ISBN/EAN
9783423280150
Preis
19,90 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

John Williams wurde 1922 in Texas geboren. Trotz seiner Begabung brach er sein Studium ab. Widerstrebend beteiligte er sich an den Kriegsvorbereitungen der Amerikaner und wurde Mitglied des Army Air Corps. Während dieser Zeit entstand die Erstfassung seines ersten Romans, der später von einem kleinen Verlag publiziert wurde. Williams erlangte an der University of Denver seinen Master. 1954 kehrte er als Dozent an diese Universität zurück und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 1985. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände und Romane.

Zum Buch:

Als das Farmerehepaar Stoner im Jahr 1910 beschließt, den einzigen Sohn William auf das neue Institut für Agrarwissenschaften an der Universität von Missouri zu schicken, tun sie das in der Hoffnung, er möge ihnen und letztlich sich selbst dazu verhelfen, dem kargen Boden bessere Ernten abzuringen. Da in der kleinen Familie Gespräche, ob während oder nach der harten Arbeit, selten sind, nimmt der Junge, der bis dahin nie weiter als in die 15 Meilen entfernte Kleinstadt gekommen ist, den Entschluss trotz aller Ängste fraglos hin. Natürlich muss er bei den Verwandten in der Universitätsstadt, bei denen er wohnt, für Kost und Logis arbeiten, bringt es aber dennoch pflichtbewusst zu guten Noten. Begeistert ist er von seinem neuen Leben nicht, aber eigentlich ist Begeisterung wie alle anderen Gefühle für ihn im Grunde ein Fremdwort. Er tut, was man von ihm verlangt, und hat kaum eigene Wünsche. Aber das alles ändert sich ganz unerwartet, als er in dem Pflichtkurs für englische Literatur bei einem Shakespeare-Sonett so etwas wie ein Erweckungserlebnis hat und ihm die Schönheit der Sprache einen ganz neuen Blick auf die Welt eröffnet. Er wechselt das Studienfach, bekommt eine Assistenzprofessur, heiratet und unterrichtet bis zu seinem Tod.

John Williams beginnt seinen 1967 erschienenen und erst vor einigen Jahren wiederentdeckten Roman nach dem Tod seines Protagonisten und macht so in kurzen Sätzen von Anfang an klar, dass wir es hier nicht mit einem „erfolgreichen Leben“ zu tun haben. Stoner hat keine Karriere gemacht, hat bei Kollegen und Studenten kaum Spuren hinterlassen. Die Lebensgeschichte, die dann in einer so schlichten wie schönen (und von Bernhard Robben wunderbar übersetzten) Sprache entfaltet wird, deutet auch nicht darauf hin, dass es sich wenigstens um ein „gelungenes Leben“ gehandelt hätte: die Ehe war unglücklich, das Verhältnis zur einzigen Tochter nachhaltig und tragisch gestört, die Arbeit durch Intrigen von Kollegen immer wieder unterminiert oder zunichte gemacht. Was also macht den Erfolg dieses Buches aus, dessen Plot, wenn man davon überhaupt sprechen kann, über Alltäglichkeiten nicht hinausgeht, das auf jeglichen literarischen Kunstgriff verzichtet und sich stattdessen auf die nackte Chronologie eines wahrlich nicht aufregenden Lebens beschränkt?

Ich kann nur sagen, dass ich bei der Lektüre eine ganze Gefühlspalette von anfänglicher Unlust über Verstörung bis zur Begeisterung durchlaufen und das Buch gleich zweimal gelesen habe, weil mir erst am Ende aufgegangen ist, wie ungeheuer vielschichtig dieser so täuschend einfach daherkommende Roman über ein täuschend einfach erscheinendes Leben ist. Denn der William Stoner, der wehrlos den Zumutungen seiner Herkunft, seiner neurotischen Ehefrau, seiner Rivalen und der Gesellschaft ausgesetzt scheint, hält bei aller Freundlichkeit und Sanftheit unverbrüchlich und kompromisslos an der einen freien und bewussten Entscheidung fest, die er in seinem Leben getroffen hat: die Entscheidung für die Literatur, die Sprache und die Lehre. Dass er dieser Entscheidung, ja dieser Liebe entgegen aller Versuchungen und Widerstände und durchaus auch auf Kosten ihm nahestehender Menschen treu geblieben ist, zeichnet sein Leben aus, und das Urteil über „Glück“ und „Erfolg“ muss ihm selbst überlassen bleiben. Als Leserin kann man nur dankbar sein, William Stoner kennengelernt zu haben – vergessen wird man ihn so schnell nicht. Und noch eins: Auch wenn die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mittlerweile weit zurückliegt, wirkt nichts an diesem Buch überlebt oder gar veraltet. Der Roman zeichnet sich im Gegenteil durch eine Unmittelbarkeit und Frische aus, die noch sehr viel mehr Jahre überleben wird als die 60, die seit seinem ersten Erscheinen verstrichen sind. Mit einem Wort: John Williams hat Weltliteratur geschrieben, und das sollte sich niemand entgehen lassen.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main