Zum Buch:
„Das Gedächtnis“, sagt eine fernöstliche Weisheit, „malt mit einem goldenen Pinsel.“ Dass Julian Barnes, dem im letzten Jahr der hochdotierte britische Booker-Preis verliehen wurde, in seiner Novelle „Vom Ende einer Geschichte“ dem Gedächtnis eine dunklere, kaum glanzvoll zu nennende Farbe verleiht, macht die Lektüre seines Textes für den Leser, der den Blick auf die selbstverborgenen Abgründe des eigenen Lebens nicht scheut, zu einem ebenso aufwühlenden wie faszinierenden Weckruf, der lange nachhallt.
Anthony Webster, Barnes‘ literarisches Alter ego, ein kurz vor der Pensionierung stehender Beamter der Londoner Kulturverwaltung, führt ein Leben in mittleren Lagen: ohne Höhen, ohne Tiefen. Seine Tätigkeit füllt ihn halbwegs aus, seine erwachsene Tochter gilt als wohlgeraten, seine Ex-Frau ist ihm als Beraterin in allen Lebenslagen kameradschaftlich verbunden, seine überschaubaren sexuellen Affären verebben undramatisch, und er würde sich nicht als glücklich, so doch immerhin als zufrieden bezeichnen, wenn ihn unter dem Eindruck des drohenden Ruhestands nicht der Zwang ereilte, Bilanz zu ziehen: „Aber die Zeit,“ sagt er von sich und seinesgleichen, „die Zeit, die uns erst lähmt und dann beschämt. Wir hielten uns für reif, dabei gingen wir nur auf Nummer sicher. Wir hielten uns für verantwortungsbewusst, dabei waren wir nur feige. Was wir Realismus nannten, erwies sich als eine Manier, den Dingen aus dem Weg zu gehen, statt ihnen ins Auge zu sehen. Zeit…man gebe uns genügend Zeit, und unsere fundiertesten Entscheidungen scheinen wackelig, unsere Gewissheiten bloße Schrullen.“
Hier wird der Grundton angeschlagen, der eine Geschichte durchzieht, die vier Jahrzehnte zuvor auf dem Campus einer Eliteschule begonnen hat. Zu dem Dreiergespann der Eingeweihten, deren gemeinsames Erkennungszeichen das auf der Innenseite des Handgelenks getragene Zifferblatt der Armbanduhr ist, gesellt sich der wortkarge Einzelgänger Adrian Finn, der den ausgestellten Nonkonformismus der Gruppe als affektierte Marotte entlarvt und ihrer Neigung zur witzelnden Dauerironie mit leidenschaftlicher Ablehnung begegnet: „Ich hasse es, wie die Engländer nicht ernsthaft ernst sein können. Ich hasse es abgrundtief.“ Seine intellektuelle Autonomie beschert Adrian die vorbehaltlose, nahezu kriecherische Bewunderung der Clique, und selbst die Tatsache, dass er Anthony die erfolglos umworbene Mitschülerin Veronica ausspannt, wird ihm scheinbar verziehen. Als Adrian mit fünfundzwanzig nach einer wohlformulierten philosophischen Begründung aus dem Leben scheidet, indem er sich in der Badewanne die Pulsadern aufschneidet, fallen die Kumpane von einst in den Ton gefühlsarmer Schnoddrigkeit zurück:“Erstklassiges Examen, erstklassiger Selbstmord.“ Der Bund der überlebenden zornigen jungen Männer löst sich auf. Sie finden sich in Ehen wieder, die sich als“ lange, fade Mahlzeiten erweisen, bei denen der Nachtisch zuerst serviert wurde“, und Anthony Webster richtet sich in einem Erinnerungsgefüge ein, in dem er sich als trauernder, von der Liebe seines Lebens gedemütigter und von dem heroisierten Freund verlassener Hinterbliebener situiert. Dieses Gehäuse des Selbstmitleids zerbricht, als ihm Veronica die Fotokopie eines Briefes zukommen lässt, den er ihr und Adrian vor knapp vierzig Jahren geschickt hat. Nach der Lektüre des Schreibens, eine giftige, verletzende, von unflätigen Verwünschungen begleitete Suada, die in dem Fluch gipfelt, das aus der Verbindung möglicherweise entstehende Kind „möge von den Missetaten seiner Eltern heimgesucht werden bis ins dritte und vierte Glied,“ nimmt sich Anthony als „rüpeligen, eifersüchtigen und bösartigen Scheißkerl“ wahr, der es darauf angelegt hatte, den Charakter seines Freundes zu verunglimpfen und dessen erste und letzte Liebesbeziehung zu zerstören. Die Vergegenwärtigung der Vergangenheit löst in ihm weder Scham- noch Schuldgefühle aus, sondern etwas, was in seinem Leben seltener war und stärker als beides ist: Reue. „Ein Gefühl, das vielschichtiger ist, zäher und urtümlicher. Das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man nichts dagegen tun kann: Es ist zu viel Zeit vergangen, zu viel Schaden angerichtet worden, um etwas wiedergutzumachen.“
Dieses schonungslose Selbstportrait eines westlichen Mannes nimmt in meiner literarischen Prioritätenliste den Platz neben Philip Roth‘ „Jedermann“ ein. Ein Urteil, dem man sich womöglich erst anschließen kann, wenn man alt genug ist, um der routinierten Erzählung der eigenen Lebensgeschichte überdrüssig zu werden: „Wie oft rücken wir diese Lebensgeschichte zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung in Frage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte ist, die wir über unser Leben erzählt haben. Anderen, aber – vor allem – uns selbst erzählt haben.“
Julian Barnes „Vom Ende einer Geschichte“ ist empfehlenswert. Bei abnehmendem Hang zum Selbstbetrug ab 50 aufwärts.
Günter Franzen, Frankfurt am Main