Belletristik

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Buchempfehlung Belletristik

Autor
Boyd, William

Eine große Zeit

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
Beschreibung

Der vielversprechende Schauspieler Lysander Rief, der kurz vor der Hochzeit steht, macht sich 1913 auf nach Wien, um sich bei einem renommierten Psychologen behandeln zu lassen. Aber sein delikates Problem erweist sich bald schon als völlig nichtig, als er die hinreißende und völlig durchgeknallte Malerin Hettie kennenlernt, mit der er eine turbulente Affäre beginnt, die dummerweise nicht ohne Folgen bleibt. Mitten in der Nacht steht dann die Polizei vor der Tür und verhaftet ihn. Lysander bleibt nur ein Ausweg. Er muss für den britischen Geheimdienst arbeiten. Ein abgekartetes Spiel? Wer weiß? Jedenfalls einer der besten Romane Boyds.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Berlin Verlag, 2012
Format
Gebunden
Seiten
480 Seiten
ISBN/EAN
9783827010667
Preis
22,90 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

William Boyd, 1952 in Ghana geboren, gehört zu den überragenden europäischen Erzählern. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher und wurde vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien im Berlin Verlag Nat Tate (2010). William Boyd lebt mit seiner Frau in London und Südfrankreich.

Zum Buch:

Es ist bestimmt zehn, zwölf Jahre her, da habe ich William Boyds Roman “Armadillo” gelesen, eine skurrile, mit unvergesslicher Komik gespickte Geschichte über einen Schadensregulierer, der antike Helme sammelt und dessen bis dato perfektes Leben mit einem Schlag völlig aus den Fugen gerät. (Letzteres etwas, mit dem Boyd in seinen Romanen immer wieder gerne spielt.) Ich war absolut angetan von diesem Autor, doch leider wurde es in den darauffolgenden Jahren zusehends ruhiger um ihn, und so blieb der Roman eine Art Geheimtipp und war dann bald schon vergriffen. Als dann 2007 sein Roman “Ruhelos” erschien, überschlugen sich die Feuilletons mit Lobeshymnen; Boyd wurde quasi über Nacht aus der Versenkung geholt und zum Bestsellerautor gekrönt. Zu Recht.

Jetzt ist mit “Eine grosse Zeit” sein neuester Roman erschienen, der nahtlos an seine früheren Erfolge anknüpft und der meiner Meinung nach einer seiner besten ist. Erzählt wird darin die Geschichte eines recht erfolgreichen jungen Theaterschauspielers, Lysander Rief, der im Sommer 1913, nachdem er seiner Heimatstadt London den Rücken gekehrt hat, nach Wien zieht, in die Stadt Freuds und der aufkommenden Psychoanalyse. Denn Lysander, der kurz vor der Hochzeit steht, hat ein, wie soll man sagen, ein “prekäres” Problem, welches er vor der anstehenden Hochzeitsnacht lieber geklärt haben möchte. Also vertraut er sich einem in Wien ansässigen Psychologen an, um eben dieses Problem ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Im Wartezimmer des Doktors lernt er dann zufällig die ebenso hübsche wie ziemlich durchgeknallte Künstlerin Hettie kennen, mit der er bald eine wilde Affäre beginnt, in deren Verlauf sich sein Problem als völlig nichtig erweist. Lysander schwebt geradezu über den Wolken, er steht kurz davor, seine Verlobung aufzulösen, als plötzlich die Polizei vor der Tür steht und ihn vom Fleck weg verhaftet. Er wird beschuldigt, Hettie vergewaltigt zu haben. Die Anschuldigung ist völlig haltlos und wird denn auch kurz darauf in tätlichen Angriff umgeändert, stellt aber dennoch Lysanders Leben völlig auf den Kopf. Denn er kann sich aus der Sache nur dadurch retten, dass er, der Schauspieler, für den britischen Geheimdienst arbeitet. Und ab da überschlagen sich die Ereignisse quasi im Minutentakt.

Wieder hat dieser neue Boyd etwas von einem rasant geschriebenen Spionageroman, der aber zuweilen, auf diese gewisse Art, die dem Autor so sehr liegt, unterschwellig fast, enorm witzig ist, so dass man erst mit Verzögerung zu schmunzeln beginnt und dann schallend loslacht. Besonders die Dialoge, bei denen man meint, als Zuhörer direkt danebenzustehen, machen diesen Roman zu einem einzigartigen Lesevergnügen.

William Boyd besitzt die große Gabe, Fiktion und Geschichte in unverwechselbarer Form so zu vereinen, dass die Lektüre eine reine Lust ist. Ein Roman, den ich nur empfehlen kann. Ach ja, wo wir schon mal dabei sind: Endlich hat es auch Armadillo wieder zu einer Neuauflage geschafft.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln