Belletristik

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Buchempfehlung Belletristik

Autor
Boyle, T.C.

San Miguel

Untertitel
Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Beschreibung

San Miguel – eine Insel am Ende der Welt bzw. vor der kalifornischen Küste, felsig, baumlos. Stürme wirbeln den Sand auf, wochenlange Regenfälle durchnässen alles, dann wieder liegt sie tagelang unter einer Nebelschicht. Das einzige, was hier wächst, ist Gras und die einzige Möglichkeit für Menschen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, die Schafzucht. Ein unwirtlicher Ort, sollte man meinen, aber für manche Menschen sieht so das Paradies aus. Für Will Waters und Herbie Lester, beide – der eine im Bürgerkrieg, der andere im Ersten Weltkrieg – kriegsversehrt, ist die Insel die letzte Chance auf ein eigenständiges, freies Leben, ihr Paradies, in dem sie sich bewähren müssen und aus dem sie sich unter keinen Umständen vertreiben lassen wollen.

„San Miguel“ ist ein wunderbar komponierter (und hervorragend übersetzter) Roman über die Ausgeliefertheit des Menschen in seiner – unserer – Welt, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2013
Format
Gebunden
Seiten
448 Seiten
ISBN/EAN
9783446243231
Preis
22,90 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

T. C. Boyle, geb. 1948 in Peekskill, New York im Hudson Valley, war Lehrer an der dortigen High-School und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten. Heute lebt er in Kalifornien und unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles Creative Writing.

Zum Buch:

San Miguel – eine Insel am Ende der Welt bzw. vor der kalifornischen Küste, felsig, baumlos. Stürme wirbeln den Sand auf, wochenlange Regenfälle durchnässen alles, dann wieder liegt sie tagelang unter einer Nebelschicht. Die Felsen sind voller Guano, Füchse holen sich die reichlich vorhandenen Mäuse, das einzige, was hier wächst, ist Gras und die einzige Möglichkeit für Menschen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, die Schafzucht. Ein unwirtlicher Ort, sollte man meinen, aber für manche Menschen sieht so das Paradies aus. Für Will Waters und Herbie Lester, beide – der eine im Bürgerkrieg, der andere im Ersten Weltkrieg – kriegsversehrt, ist die Insel die letzte Chance auf ein eigenständiges, freies Leben, ihr Paradies, in dem sie sich bewähren müssen und aus dem sie sich unter keinen Umständen vertreiben lassen wollen. Beide stecken ihre Ehefrauen mit ihrer Begeisterung an, aber während Elise Lester in den 1930er Jahren den Traum ihres Mannes teilt und vom Pionierleben auf den Spuren Thoreaus begeistert ist, verwandelt sich das Paradies für die schwindsüchtige Marantha Waters schon bald in die Hölle. Ihr bringt die Insel den Tod – ihrer Tochter Edith dagegen eine Freiheit, die sich ein gutbürgerliches Mädchen Ende des 19. Jahrhunderts unter anderen Umständen wohl kaum hätte erträumen können.

T. C. Boyle erzählt die zwei Familiendramen, verbunden nur durch die Insel, auf denen sie stattfinden, aus der Perspektive der Frauen, die für ihn das stärkere Geschlecht repräsentieren. Das gilt nicht nur für die handfeste, praktische Elise, die es immer wieder schafft, Herbie aus seinen kriegsbedingten Anfällen von Wahnsinn zu holen, sondern auch für Marantha, der es schließlich doch gelingt, mit ihrem Mann die Insel zu verlassen. Und es gilt mit Sicherheit für Edith, die alle Mittel nutzt, um ihren Lebenstraum wahrzumachen. Die beiden männlichen Figuren dagegen scheitern, jede auf ihre Art. Will flüchtet sich nach dem Tod seiner Frau und der Flucht seiner Tochter in eine Form tyrannischer Verrohung und in den Suff, Herbie muss nach dem Angriff auf Pearl Harbour erkennen, dass er nicht der „König von San Miguel“ ist, sondern sich dem Militär zu unterwerfen hat, das Soldaten auf „seiner“ Insel stationiert, und flüchtet sich in den Tod. Aber ob Männer oder Frauen, letztlich können Boyles Protagonisten weder gegen die Natur, die sie bezwingen, noch gegen die Geschichte, der sie entfliehen wollten, etwas ausrichten. Ihre Stärke bleibt Illusion. Und das macht das Buch sehr, sehr traurig.

„San Miguel“ ist ein wunderbar komponierter (und hervorragend übersetzter) Roman über die Ausgeliefertheit des Menschen in seiner – unserer – Welt, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche.

Irmgard Hölscher, Frankfurt