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Winterbienen

Autor
Scheuer, Norbert

Winterbienen

Untertitel
Roman
Beschreibung

Im Januar 1944 beginnt das Tagebuch von Egidius Arimond, dem ehemaligen Lateinlehrer und jetzigem Bienenzüchter. Wir befinden uns, wie immer bei Nobert Scheuer, in dem fiktiven Ort Kall in der gar nicht fiktiven Eifel. Ein Roman aus der Provinz also, könnte man glauben, aber weit gefehlt.
Wer glaubt, dieses Buch sei nicht besonders aufregend, sich zudem wenig für Bienen und schon gar nicht für ein fiktives Eifeldorf interessiert und es deshalb lieber links liegen lässt, irrt sich gewaltig. Winterbienen zählt zu den bemerkenswertesten Büchern dieses Herbstes, denn es macht auf sehr unaufdringliche Weise klar, dass Literatur ein Tor zur Welt oder besser zu Welten ist.
(Ausführliche Besprechung unten)

Verlag
C.H.Beck Verlag, 2019
Seiten
319
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-406-73963-7
Preis
22,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Norbert Scheuer wurde 1951 geboren und lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane Die Sprache der Vögel (2015), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, und Am Grund des Universums (2017). Sein Roman Überm Rauschen (2009) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, wohin es vielleicht dieses Jahr auch Winterbienen schafft, auf der Longlist 2019 steht es jedenfalls schon.

Zum Buch:

Im Januar 1944 beginnt das Tagebuch von Egidius Arimond, dem ehemaligen Lateinlehrer und jetzigem Bienenzüchter. Wir befinden uns, wie immer bei Nobert Scheuer, in dem fiktiven Ort Kall in der gar nicht fiktiven Eifel. Ein Roman aus der Provinz also, könnte man glauben, aber weit gefehlt. Vielmehr handelt es sich um einen weiteren Band aus dem großen Welttheater, das der Autor bis jetzt vor uns aufgeführt hat und dessen Schauplatz eben nicht die Metropolen dieser Welt, sondern die Provinz ist.

Aber der Reihe nach, falls das bei Scheuer überhaupt möglich ist. Der Roman besteht aus den Tagebuchaufzeichnungen des Protagonisten vom Januar 1944 bis zum Mai 1945. Dieser Protagonist ist, wie wir beiläufig erfahren, Epileptiker, und als solcher unter damaligen Bedingungen „lebensunwert“ und eigentlich zur Vernichtung verdammt. Aber dank seinem Bruder, einem hochdekorierten Kampfflieger, wird er am Leben gelassen und „nur“ zwangssterilisiert. Das wiederum ermöglicht ihm, seiner Liebe zu Frauen ohne Einschränkungen nachzugehen. Auch in der Eifel gibt es viele Frauen, deren Männer im Krieg sind und die sich gerne trösten lassen. Ein Problem für ihn ist die Beschaffung von Medikamenten, mit denen er seine Anfälle in den Griff bekommt – jeder Anfall zerstört Gehirnzellen und damit Erinnerungsvermögen und letztlich auch die Persönlichkeit. Rezepte vom Arzt bekommt er nicht – „lebensunwert“ eben –, aber sein Bruder schickt ihm das dringend benötige Luminal, solange er kann. Ansonsten ist er auf den örtlichen Apotheker angewiesen, der ihm als überzeugter Nazi das Medikament nur widerwillig aushändigt und natürlich nur gegen horrende Bezahlung. Das nötige Geld beschafft er sich als Fluchthelfer: Als Teil eines geheimen Netzwerks bringt er überwiegend jüdische Flüchtlinge über die Grenze nach Belgien. Als Widerstandskämpfer würde er sich deshalb kaum verstehen, schließlich tut er es, wie er sagt, um des Geldes willen. Aber trotz seiner prekären Lage ist er nicht unglücklich. Neben den Bienen und den Frauen beschäftigt er sich mit der Übersetzung der Aufzeichnungen des Mönchs Ambrosius, einem Vorfahren aus dem 15. Jahrhundert, der das Herz des Nikolaus von Kues über die Alpen bringt, bei dessen Einbalsamierung Bienen ebenfalls eine wichtige Rolle spielten.

Wer jetzt glaubt, das alles sei nicht besonders aufregend, sich zudem wenig für Bienen und schon gar nicht für ein fiktives Eifeldorf interessiert und das Buch deshalb lieber links liegen lässt, irrt sich gewaltig. Winterbienen zählt zu den bemerkenswertesten Büchern dieses Herbstes, denn es macht auf sehr unaufdringliche Weise klar, dass Literatur ein Tor zur Welt oder besser zu Welten ist. Hier bekommt man keine fertige historische und sonstwie geartete Perspektive vorgesetzt, hier wird man ins Unbekannte gestoßen, muss selbst die – kunstvoll offengelassenen – Lücken füllen, stürzt mit den Flüchtlingen in Höhlen oder schwebt mit Bienen oder (Kampf-) Flugzeugen in den Lüften, erlebt das epileptische „Gewitter“ im Kopf und erfährt, wie beglückend es ist, ein Buch zu lesen, in dem die Sprache ohne ein Wort zu viel, ohne jegliches Klischee neue Denkräume aufmacht. Winterbienen ist so vielschichtig, hat so viele Ebenen, das ich immer wieder hineinschauen musste, weil ich wissen wollte, wie der Autor das macht: von Bienen zu erzählen, vom Krieg, vom Ausgesetztsein des Menschen in einer unmenschlichen Umwelt, von Heldenmut, von der Liebe – und nicht zuletzt von Lockenwicklern – und dabei ganz unaufdringlich den Vorhang vor dem großen Welttheater aufzuziehen. Ich weiß es immer noch nicht, aber trotzdem: Es ist einfach großartig!

Irmgard Hölscher, Frankfurt