Zum Buch:
Es waren zwei Ereignisse, die den Literaturprofessor Arthur Opp dazu bewegten, sich aus dem Leben zurückzuziehen. Das erste war die – unbegründete – Unterstellung eines Verhältnisses mit Charlene, einer seiner Studentinnen, dessentwegen er sich vor einem Universitätsausschuss hätte rechtfertigen sollen. Diesem demütigenden Schauspiel wollte er sich nicht aussetzen und gab seinen Job auf. Das zweite Ereignis lieferten die Anschläge des 11. Septembers, von denen er auf einem seiner seltenen Spaziergänge erfuhr und die ihm klarmachten, dass er mit seinem Schock, seinen Gefühlen und seinen Ängsten völlig allein war – es gab keine Menschenseele, mit der er darüber hätte reden, der er Trost spenden oder von der er Trost hätte empfangen können. Danach verließ er sein Haus nicht mehr. Sein Essen und alles weitere bestellte er über das Internet, Kontakte beschränkten sich auf das Annehmen der Lieferungen. Sein Haus verkam, und er wurde immer dicker.
Charlene dagegen, mit der er in lockerem Briefverkehr stand, hat ihr Studium abgebrochen, geheiratet und einen Sohn bekommen, der ebenfalls Arthur heißt, aber nach seinem Vater Kel genannt wird. Ihr Mann hat die Familie schon nach wenigen Jahren verlassen; sie arbeitete als Sekretärin an einer Privatschule, die schließlich auch ihren Sohn aufnahm. Soweit schien alles in Ordnung, bis sie eines Tages ihren Job schmiss, sich ins Haus zurückzog, zu trinken begann und dem 16jährigen Kel die Verantwortung für ihr und sein Leben zuschob.
Liz Moore lässt ihre beiden Arthurs ihre jeweiligen Geschichten erzählen, und sie tut das auf eine wunderbar stille, aber um so eindringlichere und fesselnde Weise. Wir erleben Kels Coming-of-age-Dramen, seinen Kampf um seine Identität zwischen dem heruntergekommenen Viertel, in dem er mit seiner Mutter lebt und in dem er verwurzelt ist, und dem großzügigen Wohlstand der Familien seiner Freunde und Freundinnen auf der Privatschule, seine Träume von einer Karriere als Baseballprofi, seine verzweifelten Versuche, seiner Mutter zu helfen. Und wir erleben Arthur Opps Kampf gegen die Verwahrlosung, den er mithilfe einer jungen mexikanischen Putzfrau führt. Die beiden Geschichten sind großartig montiert und von großer sprachlicher Kraft. Die Liebe zu ihren Figuren, die das Buch durchdringt, überträgt sich bei der Lektüre, und man verfolgt die Entfaltung der kleinen Fäden, die die Protagonisten verbinden, mit Spannung und Zuneigung.
Der andere Arthur ist ein eindrücklicher und berührender Roman über Einsamkeit und über die Möglichkeiten, sie zu überwinden – durch Hilfe von anderen, aber mehr noch durch Hilfe für andere. Und das ist gerade heute eine sehr wichtige Erkenntnis, nicht nur für all die Mitarbeiter*innen der Einsamkeitsministerien, die gerade aus dem Boden gestampft werden.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.