
Seit etwas mehr als einem halben Jahrhundert beschäftigt sich die Wissenschaft nun schon mit der Charakterisierung und dem therapeutischen Einsatz von Stammzellen. Der ursprüngliche Gedanke, Stammzellen mittels Injektion in eine Verletzung einzubringen und dieses durch Zelldifferenzierung in Zellen des Zielgewebes zu reparieren, wird mittlerweile als „naiv“ angesehen (Stewart und Stewart 2011). Und auch die ethnische Diskussion um die Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen, kann mit der Gewinnung mesenchymaler Stammzellen aus Geweben adulter Tiere, zumindest zum Teil entkräftet werden. Durch die Zugehörigkeit zu den „Tierarzneimitteln für neuartige Therapien“ ist die gesetzliche Grundlage kompliziert und nicht ganz eindeutig. Grundsatzurteile aus der Humanmedizin und eine neue EU-Verordnung bringen die Hoffnung auf eine baldige EU-einheitliche Regelung (Roth et al. 2021). Die Gewinnung der mesenchymaler Stammzellen aus verschiedensten Geweben ist der Kern vieler Publikationen, so gelingt es beispielsweise beim Pferd erfolgreich Stammzellen aus dem Knochenmark (Arnhold et al. 2007), dem Fettgewebe (Arnhold et al. 2019), dem Fruchtwasser (Iacono et al. 2012b), dem Nabelschnurblut (Burk et al. 2013) und den Sehnen (Shikh Alsook et al. 2015) zu gewinnen. Beim Hund können Zellen unter anderem erfolgreich aus Knochenmark (Kisiel et al. 2012), Fettgewebe (Guercio et al. 2013), Nabelschnurblut (Ryu et al. 2012), Wharton´s Jelly (Filioli Uranio et al. 2011) und der Muskulatur (Ceusters et al. 2017) extrahiert werden. Die Protokolle zur Aufbereitung, Kultivierung und Haltbarmachung von MSCs wurden in den letzten Jahren verfeinert. In einer Großzahl von Studien kann die Sicherheit von MSCs, mit lediglich geringen Nebenwirkungen bei Hund und Pferd beschrieben werden (Ardanaz et al. 2016; Godwin et al. 2012; Ricco et al. 2013; Carrade et al. 2011a; Carrade et al. 2011b; Cuervo et al. 2014; Escalhão et al. 2017; Steffen et al. 2017; Park et al. 2013). Durch verschiedene Autoren können den MSCs immunmodulatorische (Luo et al. 2012; Barrachina et al. 2016; Cassano et al. 2018b) und damit antiinflammatorische (Ferris et al. 2014; Tessier et al. 2015; Muir et al. 2016) Eigenschaften nachgewiesen werden. Einen Anteil an den positiven Eigenschaften der MSCs hat ihr Sekretom und die darin enthaltenen Exosomen. Diesen Vesikeln wird eine zukünftige mögliche kommerzielle Nutzung vorausgesagt (Mocchi et al. 2020). Neben den MSCs dürfen die induzierten pluripotenten Stammzellen nicht außer Acht gelassen werden. Diese kostengünstigere Variante zu Tiermodellen bietet die Möglichkeit individuell personalisierter Therapieoptionen, derzeit jedoch noch nicht ganz unumstritten (Wendt 2015). Betrachtet man den klinischen Einsatz von MSCs, so kann bei (chronischen) Hautwunden und Dekubitus-Stellen eine positive Beeinflussung der Heilung verzeichnet werden (Iacono et al. 2012a; Lanci et al. 2019; Spaas et al. 2013; Enciso et al. 2020a, 2020b). Bei einem weiteren dermatologischen Krankheitsbild, der atopischen Dermatitis, können Verbesserungen im Hinblick auf die Lebensqualität und den Schweregrad der Symptome beschrieben werden (Villatoro et al. 2018; Oliveira Ramos et al. 2020; Kaur et al. 2021). Gerade im Bereich von Erkrankungen des Bewegungsapparates wird der Einsatz von MSCs stark erforscht, so ist „der Sehnenschaden“ und Entzündungen des Bandapparates beim Pferd ein weit verbreitetes Problem, mit weitreichenden finanziellen Folgen (Godwin et al. 2012). Durch den Einsatz von MSCs, kommt es zu einer verbesserten Heilung der Sehne und eine Rückkehr in den Rennsport wird begünstigt (Godwin et al. 2012; Smith et al. 2013; Renzi et al. 2013; Ricco et al. 2013). Ein weiteres großes Problem im Pferdesport, die arthrotische Erkrankung von Gelenken, kann ebenfalls durch den Einsatz von MSCs positiv beeinflusst werden (Mariñas-Pardo et al. 2018; Broeckx et al. 2014b; Magri et al. 2019). Auch in der Kleintiermedizin sind Erkrankungen des Bewegungsapparates ein weit verbreitetes Phänomen (Shah et al. 2018). Der Einsatz von MSCs bei der caninen Osteoarthorse verbessert die Symptomatik und überzeugt nicht nur die Kliniker (Cuervo et al. 2014; Shah et al. 2018), sondern auch die Besitzer (Kriston-Pál et al. 2017; Harman et al. 2016). Einige wenige Autoren befassen sich bereits mit der Langzeitwirksamkeit von MSC-basierten Therapien (Cabon et al. 2019), dies muss in Zukunft noch deutlich ausgebaut werden. Einige Autoren regen die Überlegung an, durch die Errichtung von Zellbanken die kommerzielle Nutzung von MSCs zu fördern (Lanci et al. 2019; Ricco et al. 2013). Durch die Zulassung der stammzellhaltigen Medikamente ARTI-CELL® FORTE und HorStem® sind die ersten Ihrer Art auf dem kommerziellen Markt erschienen. Sie ermöglichen ab ihrer Zulassung im Jahr 2019, die legale Behandlung mit allogenen Stammzellen (Roth et al. 2021) und bieten damit eine erste Möglichkeit des Großflächigen Einsatzes von Mesenchymalen Stammzellen.